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Berufstätigkeit ohne Kinderleid

So können Sie Berufstätigkeit und Erziehungstätigkeit miteinander vereinbaren! / So ist man keine "Rabenmutter"! - Kind und Arbeit vereinbaren: Weder Karriere noch das Kind müssen leiden.

Die Rollen müssen geklärt werden!

Kontakt zu Familien in gleicher Situation!

Wenn Ihnen die Doppelbelastung zu viel wird!

Das Kind ist im Zweifelsfall wichtiger!

Die (neuen) Rollen müssen gemeinsam mit allen Familienmitgliedern geklärt werden!

Die neue Rolle als berufstätige Mutter (oder berufstätiger Vater) bedeutet Abschied von der Rolle zu nehmen, die man als ‚nur Mutter’ bzw. ‚nur Vater’ ausfüllte.  Mit der Berufstätigkeit beginnt ein neuer Lebensabschnitt für Sie und die Familie. Er bringt für Vater, Mutter, Kinder und Großeltern veränderte Anforderungen, Selbstverständlichkeiten, Zeiteinteilungen und Aufgabenverteilungen.

Diese Veränderungen müssen gemeinsam wahrgenommen, bedacht und verantwortet werden. Der Beginn Ihrer Berufstätigkeit ist ein bedeutendes Ereignis für die gesamte Familie; wechseln Sie Ihre Rolle nicht still, als sei dieser Schritt etwas Alltägliches:

"Es beginnt ein neuer Abschnitt für mich und unsere ganze Familie. Manch bange Frage bewegt uns; wir blicken aber auch mit sehr viel Hoffnung in die Zukunft. Eine solche Wende, bei der man etwas hinter sich lässt und Neues beginnt, ist ein guter Grund für eine Feier. Lasst uns z. B. ein gemeinsames Festessen vorbereiten oder eine Feier organisieren. Dabei können wir überlegen, von welchen schönen und belastenden Dingen wir Abschied nehmen werden und was alles an Ungewohntem auf uns zukommt."

Doch trotz Ihres Jobs: Ihr Kind bleibt Kind!

Verlangen Sie aufgrund Ihrer Erwerbstätigkeit dem Kind nicht zu viel Selbstständigkeit ab. "Das Kind bleibt Kind" gilt auch hier. Es muss Zeit haben, um ausgelassen zu sein, um zu spielen, um zu trödeln, um zu träumen.

Natürlich muss ihr Kind auch lernen, dass Ihre Zeit nun etwas beschränkt ist, weil Sie (wieder) berufstätig sind. Wenn Sie ihm klare Strukturen geben, wird es diese Neuerung schnell akzeptieren. Vermitteln Sie Ihrem Kind das Gefühl: "Mama oder Papa ist nun bei der Arbeit, aber danach hat sie (oder er) wieder Zeit für mich. Nur für mich." Es kann auch hilfreich sein, kindgerecht zu erklären, worin Ihr Job besteht. Doch damit sollten Sie es dann zunächst einmal belassen.

Sehen Sie das Kind im Kind und akzeptieren Sie es so. Erwarten Sie nicht, dass es sich zu Ihrer Entlastung angepasst und verständnisvoll, also sehr "erwachsen" verhält. Sie sind und bleiben der Erwachsene, der Verständnis, Einsicht, Mitgefühl, Hilfsbereitschaft dem Kind entgegenbringt, nicht umgekehrt.

Lassen Sie sich wegen Ihrer Berufstätigkeit kein schlechtes Gewissen machen

Arbeitende Mütter werden insbesondere von ihren Eltern und Schwiegereltern, aber auch von Nachbarn und Freundinnen schnell mit Sätzen konfrontiert wie: "Pass auf, dass du die Kinder nicht vernachlässigst!" / "Meinst du nicht, dass du mehr Zeit für dein Kind haben müsstest?" Rechtfertigen Sie sich nicht. Sprechen Sie über Ihr Rollenverständnis:

"Warum werden Männern nicht solche Fragen gestellt? Kann es sein, dass dahinter das Vorurteil steckt, Mütter müssten allein für ihr Kind da sein? Ich stehe zu meiner Rolle als arbeitende Mutter. Meine Arbeit belebt unser Familienleben. Auch Franziska profitiert davon, dass ich so zufrieden bin. / Mach mir bitte kein schlechtes Gewissen. Ich habe meinen Beruf und die Familie; wir schaffen es, das gut miteinander zu verbinden. Ich bin damit zufrieden; Franziska mag und braucht mich so selbstbewusst. Wenn du allerdings konkrete Beispiele hast, die zeigen, dass Franziska leidet, dann nenne die Situationen und hilf bitte mit, Lösungen zu finden."

Nein - Sie sind nicht allein für das Kind verantwortlich! / Ihr Kind akzeptiert gern auch andere Bezugspersonen!

Alle Beteiligten müssen ausdrücklich die Ideologie ablegen, die behauptet, eine Person (am besten die Nur-Mutter) müsse sich für das Kind aufopfern und sei für all seine wichtigen Belange zuständig.

Wenn Sie die alte Rolle bewusst, überzeugt und selbstsicher hinter sich lassen, ist das ein sicheres Fundament für eine weiterhin starke Beziehung zu Ihrem Kind. Klären Sie Ihre neue Rolle mit dem Partner, dem Kind bzw. den Kindern und anderen Angehörigen Ihrer Familie, wie Großeltern, Onkeln, Tanten. Nehmen Sie sich dafür möglichst schon vor Antritt eines Jobs ausreichend Zeit:

"Mit meinem Job wird sich vieles für uns alle ändern. Ich kann nicht mehr all die Verantwortung tragen und die vielen Aufgaben bewältigen.  Bisher war ich z.B. ziemlich allein verantwortlich für Saschas Tagesablauf. Um die Besonderheiten wie Geburtstagsfeiern, seine Kleidung und seine Schulangelegenheiten habe ich mich gekümmert. Das war meine Rolle. Jeder von uns hatte seine Rolle. Die Rollen aller Familienmitglieder müssen nun auf den Prüfstand."

Legen Sie Wert darauf, dass die zusätzliche Belastung anerkannt wird!

Lassen Sie nicht zu, dass Ihre zusätzlichen Belastungen als Selbstverständlichkeit betrachtet  werden, vom Partner nicht, nicht von Großeltern und nichtvom Kind:

"Ich bitte, dass ihr seht und anerkennt, was ich nun zu leisten habe. Lasst mich damit nicht allein. Außer eurer tatkräftigen Hilfe brauche ich auch eure Anerkennung und die Würdigung meiner Anstrengungen. Ich schaffe es nicht, wenn ich ganz allein damit bin."

Insbesondere Ihrem Partner sollte bewusst sein, dass bezüglich der Erziehung und der Hausarbeit eine Vermischung der Rollen üblich sein muss. Von älteren Geschwistern kann erwartet werden, dass sie den Jüngeren bei der Bewältigung der anfallenden Probleme helfen.

Neues Familienbewusstsein
Delegieren und organisieren - Aufgaben verteilen

Mit der Übertragung von Aufgaben ist nicht nur ein Rollen-, sondern auch ein  Wertewechsel verbunden. Die Wäsche muss nicht so gebügelt sein, wie man es von Ihnen gewohnt ist. Das vom großen Bruder auf den Tisch gebrachte Essen darf anders schmecken. Es gibt gesunde Tiefkühlkost, die auch von den Kindern zubereitet werden kann.

Staub auf den Möbeln muss nicht immer sofort beseitigt werden. Das Fernsehgerät bleibt öfter mal aus, damit man Zeit für die gemeinsame Putzparty gewinnt oder damit man z.B. die neueste Seifenoper durch ein gutes Gute-Nacht-Ritual mit dem Kleinsten ersetzt.

Achten Sie darauf, nicht nur allgemeine Appelle wie "Helft mal mit! / Ihr müsst euch mehr kümmern!" auszusprechen und über Ihre Belastung zu klagen. Vorwürfe und Klagen schwächen; übertragene Aufgaben steigern dagegen das Selbstvertrauen und die Leistungsbereitschaft.

Mit dem Delegieren von Arbeitsbereichen drücken Sie Vertrauen aus. Es ist Ihre Aufgabe, die Familie einzuarbeiten. Suchen Sie in gemeinsamen Gesprächen Lösungen und legen Sie Verhaltensweisen direkt fest:

"Wer ist heute da, wenn Franziska aus der Schule kommt? / Wer betreut morgen die Schulaufgaben? / Traut sich jemand zu, mit ihr zum Arzt zu gehen? / Wer nimmt sich heute viel Zeit, mit ihr die Bastelsachen einzukaufen? / Wer ist heute Nachmittag als ihr Gesprächspartner in der Nähe, wenn sie fernsieht? / Schaffen wir es heute mal, sie gemeinsam ins Bett zu bringen? Wer ist dabei?"

Sorgen Sie ebenso für eine grundsätzliche Aufgabenverteilung. Jedes Familienmitglied kann für die Sauberkeit in einem Zimmer oder für die selbstständige Erledigung eines gewissen Aufgabenbereiches zuständig sein.

Bezahlen Sie die Leistungen der Kinder nicht. Entgelte machen auf Dauer unzufrieden. Verantwortung zu tragen, gelobt zu werden, kreativ sein zu dürfen hebt die Motivation weit besser: 

"Sehr gut erledigst du deine Aufgaben. Du machst es anders, als wir es bisher gewohnt waren; doch es entlastet uns alle. / Nein, wir führen nicht ein, uns gegenseitig zu bezahlen. Wer würde dann mich bezahlen? Es sind gemeinsame Aufgaben, die uns allen zugute kommen. Du merkst doch, dass nicht nur du etwas für die andren leistest, sondern immer auch etwas für dich getan wird. In einer Familie gleicht sich immer wieder alles aus."

Pflegen Sie Kontakt zu Familien in gleicher Situation

Berufstätige Eltern brauchen befreundete Familien in gleichen Situationen. Gehen Sie offen auf diese zu! Suchen Sie den Kontakt im Kindergarten, der Schule, der Nachbarschaft. Nur so können Sie sich z. B. an einem Bring- und Holdienst bzw. Fahrdienst zum Kindergarten und zur Schule beteiligen.

Gemeinsame Spielkreise, Einkäufe, Ausflüge und gegenseitige Übernachtungsmöglichkeiten entlasten Sie in besonderem Maße. Ihr Kind gewinnt dadurch an Selbstbewusstsein und Unabhängigkeit.

Halten Sie auch nach Senioren/Seniorinnen Ausschau, die gerne Kinder betreuen. Überall gibt es Menschen, die angesprochen werden möchten. Fragen Sie in der Kirchengemeinde nach Personen, die gern bereit sind, Sie zu entlasten.

Ihr Kind leidet - wenn Job und Familie über Ihren Kopf wachsen!

Häufig müssen allein erziehende Mütter (und auch Väter) direkt nach der Trennung eine Arbeit annehmen. Mit der neuen Familiensituation und der Berufstätigkeit gleichzeitig umzugehen ist eine doppelte Erschwernis für das erziehende Elternteil und das Kind.

Oftmals kommt noch ein Umzug als dritte Belastung hinzu. Die Eheprobleme haben beide schon sehr geschwächt; Elternteil (zumeist die Mutter) und Kind brauchen in der neuen Situation sehr viel Zeit der Ruhe, der Neuorganisation und Neubesinnung. Beide benötigen jetzt auch mehr Zeit füreinander. Tun Sie alles, damit Sie erst dann bei Ihrer Arbeit einsteigen, wenn die neue Situation sich für Sie und das Kind gefestigt hat.

Ein schlechtes Gewissen müssen Sie jedenfalls nicht haben, wenn Sie sich ganz um Ihr Kind kümmern und energisch auf das nötige Geld für Ihren Lebensunterhalt vom Vater und vom Sozialamt bestehen.

Wenn Sie in derart schwierigen Situationen auf eine Berufstätigkeit verzichten, um für Ihr Kind da zu sein, so lassen Sie das Kind nicht fühlen oder gar hören: „Ich hab ja leider dich. / Wäre ich allein, könnte ich arbeiten gehen. / Ich weiß ja nicht wohin mit dir!“ Zeigen Sie, dass Ihr Kind bedingungslos an erster Stelle steht:

"Ich bin gern bei dir. Du bist mir so wichtig, dass wir es auch ohne zusätzliche Einkünfte schaffen. / Ich bin gern Mutter, die ganz zu Hause bei dir ist. Für dich da zu sein ist jetzt meine Aufgabe; das füllt mich aus."

Job und Kind - das geht nur mit viel Selbstdisziplin!

Eltern, die einen Beruf ausüben und gleichzeitig erste Bezugsperson für ihr Kind sind, brauchen sehr viel Kraft. Diese anspruchsvolle Aufgabe misslingt, wenn sie durch Suchtmittel psychisch oder körperlich geschwächt werden. Alkohol, Nikotin, Koffein, Medikamente schwächen in jedem Fall. Dagegen stärken gesunde Essgewohnheiten, Sport, Fitnessübungen und Entspannungstraining.

Job ist eine Sache - Kind die andere! Trennen Sie Job und Kind.

Das muss die erste Devise berufstätiger Eltern sein: "Meine Berufstätigkeit und meine Erziehungstätigkeit trenne ich strikt voneinander." Dieser Grundsatz ist schwer zu verwirklichen, insbesondere wenn einer der beiden Bereiche oder gar beide belastend sind.

Doch gelingt Ihnen diese Trennung nicht, so werden Ihr Kind, Ihr Beruf und Sie gleichermaßen leiden. Die Beachtung weniger, einfacher Verhaltensregeln hilft Ihnen einerseits, die berufliche Belastung „an der Haustür abzulegen“, und andererseits, Ihr Kind in guten Händen zu wissen, während Sie bei der Arbeit sind. Diese beiden Aspekte sind wichtig.

Unmittelbar bevor Sie zur Arbeit gehen und insbesondere bei Ihrer Rückkehr, stellen Sie Ihr Kind in den Mittelpunkt Ihres Interesses. Wenn Sie sich nun auch nur eine viertel Stunde ganz auf das Kind einstellen, tut ihm dies außerordentlich gut. Nehmen Sie schon auf dem Nachhauseweg innerlich von der Arbeit Abschied. Halten Sie spätestens an der Haustür einen Augenblick inne und sagen sich:

Stopp. Die Arbeit lasse ich jetzt hinter mir, mit all meinen Sinnen bin ich bei meinem Kind!

Ihr Kind ist wichtiger als der Job! / Wenn es schwierig wird, geht das Kind vor!

Wenn Sie bei Ihrer Rückkunft von der Arbeitsstelle keine Freude zeigen, kein Interesse an seiner Person äußern, so belasten Sie Ihr Kind sehr. Es kann verstehen und akzeptieren, dass Ihnen Ihre Arbeit wichtig ist; doch es kann nicht vertragen, dass Ihnen die Arbeit wichtiger ist als es selbst.

Ihr Kind ist nicht die Person, die Ihre Arbeitsprobleme auffangen kann. Wenn Sie nach der Arbeit direkt jemanden brauchen, der Ihnen zuhört, so suchen Sie zunächst eine Person auf, die diese ‚seelsorgliche’ Arbeit bewältigen kann. Treffen Sie sich z. B. erst mit einem Freund, einer Freundin. Es ist besser, Sie kommen eine halbe Stunde später, aber dafür entlastet zu Ihrem Kind.

Ruhen Sie sich einige Minuten aus, bevor Sie wieder in Ihre Mutter- bzw. Vaterrolle schlüpfen. Vielleicht können Sie sich noch an der Arbeitsstelle eine abschließende Ruhepause gönnen; entspannen sie sich jedenfalls auf dem Nachhauseweg, indem Sie an etwas Schönes denken oder entspannende Musik hören.

Wenn Sie noch Arbeit mit nach Hause genommen haben, so stellen Sie diese zunächst kommentarlos zur Seite. Sagen Sie nicht einmal: "Ich habe noch etwas zu arbeiten, aber das mache ich nachher." Denken Sie auch nicht gleich an ein wichtiges Telefonat. Das ist schon zu viel der Unachtsamkeit: "Ich muss noch eben jemanden anrufen, dann kümmere ich mich um dich." Nichts ist jetzt wichtiger als Ihr Kind!

Erst nachdem Sie intensiv und ausschließlich das Aufmerksamkeitsbedürfnis Ihres Kind befriedigt haben, können Sie sich anderen Aufgaben zuwenden. Stellen Sie zuvor noch eine gemeinsame Aktion in Aussicht, auf die sich Ihr Kind freuen kann, dann können Sie sich gern innerhalb der Wohnung zurückziehen:

"Jetzt werde ich noch einige Telefonate und Schreibsachen erledigen. Nachher werden wir gemeinsam etwas kochen – zusammen basteln – in Ruhe essen / deine Lieblingssendung ansehen. Was machst du in der Zwischenzeit?"

"Wenn ich bei meinem Kind bin bin ich ganz und gar bei meinem Kind! Da bleibt der Job außen vor!"

Ihr Kind fühlt sich verlassen, wenn Sie es bald wieder allein lassen, nachdem Sie am Ende eines langen Arbeitstages nach Hause gekommen sind. Legen Sie Ihre außerhäuslichen Hobbys zeitlich so, dass das Kind nicht derart betroffen ist. Auch eine gute Betreuungsperson ersetzt dann nicht Ihre Anwesenheit in der Wohnung.

Desto gestresster man ist, desto eher trägt man die Art des Umgangsstiles vom Arbeitsplatz in die Familie. Herrschen dort ein Befehlston, distanziertes Reden, eine knappe Sprache oder ein ironischer Umgang, so lassen Sie auch dies bewusst am Arbeitsplatz. Ihr Kind mag es ganz und gar nicht, wie ein Kollege, eine Kollegin oder wie Angestellte behandelt zu werden.

Wenn Ihr Kind keinen Zweifel daran haben muss, dass es bei Ihnen im Mittelpunkt steht und die Arbeit erst an zweiter Stelle kommt, wird es auch Interesse an Ihrer Arbeitswelt äußern. Erzählen Sie ihm von Ihrer Tätigkeit. Nehmen Sie es hin und wieder mal mit an den Arbeitsplatz, damit es eine Vorstellung hat, mit welchen Menschen und Aufgaben es Sie teilt.

© Dieser Artikel erschien erstmals im Buch "Gestresste Eltern - Starke Kinder", Frank Maibaum, J. F. Steinkopf Verlag, Kiel 2004. Alle Rechte beim Autor.

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